Stellen Sie sich ein Buch vor. Stellen Sie sich vor, dieses Buch würde sich aufladen, dunkle und helle Flecken bekommen. Stellen Sie sich vor, es würden sich in ihm Bilder zeigen, etwa Schiffe, Häfen, Landschaften, Verlassenes, stellen Sie sich „Moby Dick“ als dieses Buch vor. Also Hermann Melvilles 1851 erschienenen, epochemachenden Roman. Stellen Sie sich ihn am besten in seiner englischsprachigen Version vor. Wie er fast übergeht von diesen Bildern, fast untergeht in ihnen. Stellen Sie sich vor, das Buch würde so zu sprechen, zu erzählen, zu „bildern“ beginnen, Geschichten aus Bild und Wort würden ineinanderfluten, wie Meer und Wellen und ihre Spiegelungen...

Auf diese Weise wären sie bereits nahe daran, an dem Objekt, der Bildwortskulptur Alberto Storaris, der eben dieses nahezu mythische Buch Hermann Melvilles, Moby Dick“ zum Quell seiner Bildserzählungen macht, indem er in es als Maler buchstäblich eintritt, in ihm mit den ihm vertrauten Techniken der Übermalung, Durchblendung, Überblendung seine Schichtenmalerei wirksam werden lässt und so einen Dialog beginnt: Mit der Welt dieses Buches und seiner Geschichte(n).

Hermann Melvilles „Moby Dick“ ist immer wieder mit einer Art Bibel verglichen und als ein Grundbuch, ein Gründerbuch beschrieben worden, als abgründig und befremdend, als ein Menschenbuch von dunkler, verführerischer Kraft über die Zustände menschlicher Wünsche, Ängste und Projektionen. Alberto Storari hat sich dem Werk nun also malerisch zugewendet, indem er es Seite für Seite aufschlug und in es hineinmalte, um aus ihm verschiedene Schichten und Bewusstseinszustände gleichsam herauszumalen. Es ist einer Art bildnerische Tagträumerei geworden, die das Objekt Buch zum Kunstobjekt oder besser noch, zu einer Art Traumding werden lässt. Die Bilder gehen verschiedenste Liaisons mit den Worten und deren Inhalten ein. Es ist, als würde das Buch zu sprechen beginnen, jedoch nicht allein mit Worten, sondern eben auch mit jenen unbewussten Bildsprachen, die die Worte freisetzen können, wenn man sie – wie beispielsweise ein Archäologe – zu erforschen beginnt. Storaris Arbeit widmet sich dem Buch und seiner Sprache also wie einer, der dieses Unbewusste öffnet, aufdass es von dem Buch, dort vielleicht schon zu lang verborgen und verschlungen, nun ausgespuckt, hervorgeschwemmt würde. Und wieder, wie seiner sonstigen Arbeit, scheint Storari die abgründigen Mächte und Kräfte des Meeres, das immer wieder im Zentrum seiner Malerei steht, anzurufen. Es ist die Arbeit an einer großen Metapher, könnte man sagen, eine Art Kampf auch mit ihr, den Storari nicht aufgibt, sondern dem er sich verschrieben hat, um den Kräften der Verwandlung, der Projektion, der Verschlingungen von Wort und Bild und Bewusstsein auf die Spur zu kommen, und das heißt auch: den Monstern der Bildproduktion, denen wir täglich auf viel eindimensionalere Weise ausgesetzt sind.

Wien, Oktober, November 2012